Ein Beitrag von Karen Brehm

Tanzlinde. Ein Ort für das ganze Dorf.
Tanzlinden waren Teil dörflicher Kultur und dienten als Mittelpunkt lokaler Traditionen und Tanzbräuche. Sie sind jedoch nicht mehr üblich.
Tanzlinde Langenstadt der Gemeinde Neudrossenfeld in der Fränkischen Schweiz. Foto: Gemeinde Neudrossenfeld.

Auf der Suche nach einem kulturellen Erlebnisraum, der Begegnungen, Gemeinschaft und Austausch ermöglicht, fällt mir die Tanzlinde ins Auge. Tanzlinden waren jahrhundertelang ein Teil dörflicher Kultur und dienten als Mittelpunkt lokaler Traditionen und Tanzbräuche. Oft wurden in der Nähe von Tanzlinden Kirchweihfeste veranstaltet. Man traf sich, tanzte, tauschte sich über dies und das aus. Ein Baum als „Hub“, wie man heute sagen würde, ein „Umschlagplatz“, an und um den herum allerlei Austausch stattfindet. Über die Jahre jedoch verschwanden die Tanzlinden mehr und mehr aus dem Dorfbild. Heutzutage sind sie kaum noch existent.

Wo haben wir heutzutage einen vergleichbaren analogen (!) Ort, der dafür gemacht ist, Menschen zu treffen, sich auszutauschen, Musik zu hören und zu tanzen, soziale Kontakte zu pflegen? Oder ist das selbstverständliche Zusammentreffen an einem gewissen Ort mit der Tanzlinde verschwunden?

Ein Raum wie der hier gesuchte wird oft, in der Terminologie der Soziologie, als „Third Space“ bezeichnet. Ein „dritter Raum“ ist ein Raum abseits des eigenen Zuhauses oder der Arbeitsstätte; ein zunächst neutraler Ort, der mit möglichst wenig oder keinem Konsumzwang verbunden ist, und der es Menschen ermöglicht, sich auszutauschen.1 Auch innerhalb der Theaterwissenschaft, im Kontext des so genannten Spatial Turn hat die Frage nach kulturellen und sozialen Räumen in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen.

Theater selbst kann als third space wahrgenommen werden, da es immer auch als gesellschaftlicher Treffpunkt, Kommunikations- und Austauschraum diente. Jedoch ist Theater nicht mehr der einzige Ort für Begegnung und Diskurs. Theater schafft es, einen kulturellen Raum entstehen zu lassen, jedoch nicht, sich der gesamten Gesellschaft zu öffnen, vor allem durch die Hemmschwelle, die die „Hochkultur“ mit sich bringt. Die Theaterhäuser, so meine Wahrnehmung, schaffen Kultur nur für einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung. Aufgrund dieser hochgradig (kulturell) fragmentierten Gesellschaft befindet sich Theater schon länger in einer Legitimationskrise. Denn Kultur in einer globalisierten und digitalisierten Gesellschaft und vor allem mit stark erhöhten Lebenskosten zu schaffen, erfordert ein tiefes Auseinandersetzen mit der kulturellen Diversität unserer Gegenwart.

Somit dachte ich immer, dass in einer Großstadt viel Raum für die individuelle Entfaltung geboten wird. Vor allem das Gefühl der Menschlichkeit an solchen Orten war mir wichtig. In einer Großstadt wie München, so befand ich jedoch, kann es relativ schwierig sein, einen Ort zu finden, an dem man sich frei ausleben kann, vor allem einen Ort, der NICHT kommerziellen Zwängen unterliegt. Deshalb fing ich an, für mich selbst zu erforschen, was Kultur für mich ausmacht und was für einen Raum ich suche in dieser Stadt.

Während meiner Suche ist dieses Gedicht entstanden:

Culture is the visibility of humans
Culture is communion
Culture is the connection with the human experience
Culture is our being
Our pain
Our knowledge
Our ideas
Our soul
It is us
We show
For ourselves
For others
It is us we show.

Wie eine Stadt aufgebaut ist, beeinflusst natürlich, wie man diese erleben kann. Das „uns zeigen (we show)“ in einer Stadt wird durch den von Industrialisierung geformten (und auf eine gewisse Art auch genormten) Individualismus erschwert. –Wie ich es sehe, auf Kosten des Gemeinschaftsgefühls. Was ich bei meiner Suche wahrgenommen habe, ist, dass Kultur viel mit dem Gefühl eines Ortes, der Aktivität oder mit den Personen zu tun hat. An Orten, die zunehmend von Wirtschaftlichkeit und Kommerz geprägt sind, wird genau dieses Gefühl, das eigentlich tiefgründige zwischenmenschliche Verbindungen ermöglichen könnte, erschwert. Wo Begegnungsräume dem ökonomischen Nutzen weichen, bleibt weniger Raum für Gemeinschaft, Austausch und damit auch für die Entfaltung von Kultur.

So wird mir klar, dass !Nein! Diese Orte für zwischenmenschliche Begegnung und Austausch in jeglicher Form sind nicht mit der Tanzlinde verschwunden, sondern haben sich durch den Wandel der Zeit stark transformiert.

In München versuchen Theater, Kultur und Sozialräume, Festivals jeglicher Art, Demonstrationen wie auch alternative Kollektive, solcherart Räume, in denen sich Kultur weiterformen und Begegnung ereignen kann, zu kreieren. Sie folgen den Ansprüchen, für jede/n einen Kulturraum zu schaffen, Kultur nicht statisch zu sehen, sondern als etwas, das durch gemeinschaftlichen Austausch entsteht.


Um einige Beispiele in München zu nennen:

Die Münchner Spiel-Stätte im Wortsinne, Import Export, – auch „Impex“ genannt –, bietet kulturell vielfältige musikalische sowie politische Events für ein diverses Publikum. Sie beschreiben sich wie folgt:

„Seit 15 Jahren bietet das Import Export einen Raum für Künstler:innen, Kulturarbeiter:innen, Vermittler:innen und sozial engagierte Menschen, um genreübergreifend und interdisziplinär zu arbeiten. Es wurde zu einem Ort für Experimente und kollektive Praktiken. Mit einem Fokus auf transnationale Kooperationen vernetzen sich hier sowohl lokale als auch internationale Akteur:innen.“

Sommerfest im Import Export. Foto: In München.

Ob fürs TurnTableTennis, Konzerte, offene Küche, Lesungen oder nur auf einen Drink: wer sich im ‚Impex‘ einfindet, dem sind kultureller Austausch und sozialer Kontakt gewiss.

Ich war selbst bei einem Diskurs-Event im Import Export über „Let’s talk about space“ – dem Thema für diesen Blog-Beitrag –, und konnte einige Impulse festhalten:

  • Kultur entsteht im alltäglichen Leben
  • Kultur sollte nicht unterteilt sein zwischen Produzent und Konsument, sondern sollte sowohl als Praxis als auch als Teilhabe erfasst werden
  • (urbane) Räume sollten dazu da sein, sich mit Menschen zu verbinden und im Weiteren tiefgründige Gemeinschaften zu schaffen
  • die gesellschaftliche Relevanz solcher Räume muss auch politisch erfasst werden.

Die Münchner Kammerspiele versuchen sowohl durch den Habibi Kiosk als auch ihren neu kuratierten Werkraum und deren dazugehörige TamTam Treppenbar, neue Events und kulturellen Austausch mit schon vorhandenen Kollektiven aus der Stadt zu fördern. Sie beschreiben den Ort als lebendigen Möglichkeitsraum zeitgenössischen Theaters:

Nahbar, wandelbar und immer im Austausch mit Publikum und Stadt.

— Münchner Kammerspiele über ihren Werkraum

So kam zum Beispiel bei einem Abend eines Tam Tam TanzTreffs, einer Zusammenarbeit zwischen Kammerspielen und dem Münchner Musik-Kollektiv Sendling Allstarzz, eine ganz andere „Bubble“, ein neuer Kreis von Menschen, zu den Kammerspielen. So konnten die Kammerspiele ein neues Publikum in ihr Haus einladen und komplett neu wahrgenommen werden.


Was gibt’s noch?

Zum Beispiel die KRACHPARADE, eine Tanzdemonstration, organisiert von MehrLärmFürMünchen, die sich performativ für einen Mietdeckel sowie für die Förderung kultureller und sozialer Räume einsetzt. Jedes Jahr wird die Demo größer und damit auch sichtbarer.

Mitten im Getümmel der Demonstration 2025 Foto: @filmfritz

Die Demo entstand 2011, um gegen geplante Luxuswohnungen und den Verlust von Kulturortern wie den Kultort „schwabinger 7“ zu protestieren.

2025 organisierten sie die größte KRACHPARADE, mit knapp 20.000 Demonstrant:innen, über 100 DJs und knapp 40 Motorfahrzeugen. Von 14 bis 22 Uhr bewegte sich der Zug von der Theresienwiese über den Innenstadtraum Münchens und endete dann wieder auf der Theresienwiese. Die KRACHPARADE macht vom Recht auf Demonstrationen Gebrauch, um für die kostenfreie Nutzung des Raums in München einzutreten.

Plakat der Demo Route. Bild: MehrLärmFürMünchen

Mit dem Glauben, dass politisch die Stadt zu verändern auch Spaß machen kann, will die KRACHPARADE erreichen, Leute für Politik zu begeistern und sie zu animieren, ihre Stimmen zu erheben.

Ebenfalls zu nennen ist MoNa – Moderation der Nacht, eine städtische Anlaufstelle für Münchner Nachtkultur . Diese wurde mitunter durch das politischen Engagement von MehrLärmFürMünchen und weiteren Münchner Musik Kollektiven ins Leben gerufen.


Neben diesen Orten und Projekten gibt es in München definitiv noch mehr kulturelle Anlaufstellen, an denen die menschliche Begegnung im Vordergrund steht. Die Färberei, der neue Gasteig, das Café Marat und viele mehr.

Die Stadt München bietet durchaus Möglichkeiten, junge Kultur- und Subkulturprojekte zu unterstützen: Es gibt geförderte Räume und Freiflächen, Zuschüsse für Infrastruktur und die Organisation von Veranstaltungen im öffentlichen Raum. Auch darüber hinaus gibt es zahlreiche Bemühungen, die lokale Subkultur zu fördern. „Wenn man will, da kann man da auch gefördert werden“, sagt zum Beispiel der Organisator des Trikaya Festivals in München. Ein Festival das Hauptsächlich durch Menschen entstanden ist, die gemeinsam an eine Vision geglaubt haben. Und somit neue kreative wegen gefunden haben das erste mehrtägige Festival mit Camping im Umland München sein konnten.

Festival im Sonnenblumenfeld. Foto: @Trikaya.festival

In der Praxis ist es für junge Kollektive und Initiativen allerdings oft gar nicht so einfach, diese Angebote tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Bürokratische Hürden, komplizierte Antragsverfahren und begrenzte Ressourcen können den Zugang zu städtischer Finanzierung erschweren. So stehen zwar Fördermöglichkeiten durch die Stadt zur Verfügung – doch gerade für kleine, junge Initiativen bleibt die Frage, wie man sie überhaupt erreicht und die eigenen Ideen damit realisierbar macht.


Für alle Projekte gilt: Politik spielt eine große Rolle bei der Umsetzung und Gestaltung von Third Spaces, da diese meist auf Förderungen angewiesen sind. Die Performance von Politik und die Politik der Kultur spielen dadurch eine entscheidende Rolle. Vor allem die Relevanz von Kultur und die dazu benötigten Räume müssen politisch gefördert werden.

Denn diese Projekte und Events haben über den Moment hinaus das Potenzial, Menschen zu animieren, durch den entstandenen Austausch mit einem anderen Blick auf ihr Umfeld zu schauen. Diese Orte verändern aktiv die Wahrnehmung (in) der Stadt, also wie ich mich im Alltag in der Stadt bewege und an ihr Teil habe. Diese veränderte Rezeption des urbanen Raums kann sogar dazu führen, dass ich zu einer aktiven Gestalterin „meiner“ Stadt werde.

Ist auch die Tanzlinde nicht mehr physisch erfahrbar, so ist doch ihre Idee als Ort der Begegnung auf neue Plätze des Austauschs übertragbar. Die oben skizzierten Beispiele tragen dem Rechnung und sind nur eine Auswahl an „neuen Linden“. Wenn man aktiv sucht, kann man seinen (fast noch spezifischeren) individuellen Ort in der Stadt finden, an dem man gemeinsam einen kulturellen Erlebnisraum schaffen kann.

Dafür brauchen diese Orte, dem Baum vergleichbar, ausreichend Sonne, Wasser und guten Boden, um starke Wurzeln zu formen, damit wir dann uns unter ihrem Schatten unser Gemüt baumeln lassen können. Das bedeutet für uns: Orte in jeglicher Weise zu unterstützen, an ihnen mitzuwirken, die den kulturellen, gemeinschaftlichen und politischen Raum ermöglichen, um den kulturellen Austausch zu fördern und zu erhalten.

Über die Autorin:

Karen Brehm studiert Theaterwissenschaft mit dem Nebenfach Soziologie an der LMU mit Schwerpunkt auf kulturelle Partizipation, Subkulturen und kollektivem Arbeiten. Durch ihre Mitwirkung im Kollektiv bei den Münchner Kammerspielen sowie bei Festivals oder durch das eigene Erforschen kultureller Angebote in München hat sie sich ein breites Bild der Münchner Kulturszene gemacht.

  1. im englischen third space. -> erklärt den Raum abseits von Zuhause und der Arbeit… theorie von homi bhabha ↩︎

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