Ein Beitrag von Yuyang Wei
Wer heute an der Ecke Amalienstraße und Theresienstraße vorbeigeht, – also in unmittelbarer Nachschaft des heutigen Standorts des Münchner Instituts für Theaterwissenschaft in der Georgenstraße –, kann sich kaum vorstellen, dass sich hier einmal einer der bekanntesten Treffpunkte des Münchner Kulturlebens befand. Das Wiener Café Stefanie, in München auch „Café Größenwahn“ genannt, wurde 1896 eröffnet und gehörte um die Jahrhundertwende zu den zentralen Orten der Schwabinger Bohème. Bis drei Uhr nachts durfte hier ausgeschenkt werden – und entsprechend lang konnten die Abende dauern.

Die Schwabinger Bohème lebte stark vom persönlichen Austausch. Zu ihrem Lebensgefühl gehörten die Freude an Geselligkeit, Freiheit, und der Wunsch, Kunst und Leben möglichst offen miteinander zu verbinden. Für diese Art des Zusammenlebens passten Kaffeehäuser besonders gut. Man konnte jederzeit vorbeikommen, ohne eingeladen zu sein oder sich vorher zu verabreden. So blieb offen, wem man begegnete und welches Gespräch sich daraus ergab.
Auch die Lage des Café Stefanie kam dieser Kultur entgegen. Universität und Kunstakademie waren nicht weit entfernt, ebenso Ateliers, Museen, Verlage, Kunstvereine und Zeitschriftenredaktionen. Schwabing und Maxvorstadt gehörten damals außerdem zu den relativ günstigen Wohngegenden Münchens, was für viele junge Künstler:innen und Studierende ganz praktisch war. An den Tischen des Cafés begegneten sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Münchner Kunstszene. Schriftsteller wie Leonhard Frank und Erich Mühsam saßen hier ebenso wie DIE bildenden Künstler der Zeit, Franz Marc und Paul Klee. Gerade diese Vielfalt gehörte zum Alltag des Cafés und machte Begegnungen über die eigenen Kreise hinaus möglich.

Foto: Yuyang Wei
Dieser legendäre Ort wurde jedoch während des Zweiten Weltkriegs bei einem Luftangriff in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1943 zerstört. Heute findet man an derselben Ecke in der Amalienstraße 25 unten ein japanisches Restaurant und darüber das Leonardo Boutique Hotel Munich. Zum Glück ist ein Stück des alten Cafés bis heute erhalten geblieben. Einige der originalen Thonet-Stühle befinden sich heute im Turmstüberl des Valentin-Karlstadt-Musäums im Isartor.
Solche informellen Treffpunkte gab es im damaligen München nicht nur in Form von Cafés. Hinzu kamen auch Künstlerkneipen wie die Künstlerkneipe Simplicissimus in der Türkenstraße 57, die heute als „Alter Simpl“ bekannt ist. Auch Artur Kutscher war über viele Jahre hinweg in der Schwabinger Kulturlandschaft präsent. Während seiner Tätigkeit als Dozent an der LMU war er zugleich in der Münchner Literatur- und Theaterszene aktiv, pflegte Kontakte zu Künstlern und Schriftstellern und beteiligte sich an Diskussionen über das zeitgenössische Theater. Diese Erfahrungen bildeten eine wichtige Grundlage für seinen späteren praxisorientierten Umgang mit der Theaterwissenschaft.
1908 nahm diese Verbindung von Universität und kulturellem Leben auch in seiner Lehre eine konkretere Form an. Der Schriftsteller Hans Harbeck gab damals den Anstoß zu einem Seminar, in dem Studierende gemeinsam mit Literaten über aktuelle Werke und künstlerische Fragen sprechen konnten. Bald fanden Teile dieser gemeinsamen Arbeit auch außerhalb der Universität statt. Die Gruppe besuchte Theater, traf sich zu Gesprächen in Kutschers Wohnung und kam mit Künstlern und Intellektuellen in persönlichen Kontakt. Die Gemeinschaft, die sich um Kutscher und seine Studierenden bildete, nannte man später auch den „Kutscher-Kreis„.
Ab 1911 übten die Studierenden praktische Theaterkritik an aktuellen Münchner Aufführungen. Nach einem gemeinsamen Premierenbesuch schrieben sie noch in derselben Nacht ihre Rezensionen, die am nächsten Morgen im Seminar vorgelesen und diskutiert wurden. Im gleichen Zeitraum begannen die Studierenden auch selbst Stücke aufzuführen. Kutscher wollte ihnen damit ermöglichen, die Ausdrucksmöglichkeiten der Bühne unmittelbar zu erfahren. Aus heutiger Sicht lässt sich diese Verbindung von Theorie und eigener Praxis auch mit dem Ansatz „practice as research“ betrachten, bei dem praktische Arbeit selbst Teil des Forschungsprozesses wird.
Besonders anschaulich zeigt sich diese Verbindung von Studium und persönlicher Begegnung bei den so genannten Autorenabenden. Auf solchen brachte Kutscher Studierende mit Schriftstellern zusammen, die aus ihren eigenen Werken vorlasen und anschließend mit den Anwesenden ins Gespräch kamen. Ab 1910 fanden diese Abende regelmäßig im Hotel Union in der Barerstraße 7 statt. Unter den Gästen waren sowohl jüngere Autoren als auch bereits bekannte Schriftsteller wie Frank Wedekind. Für die Studierenden öffneten diese Abende zugleich den Zugang zu einem größeren Künstlerkreis.

Von diesen Begegnungen blieb sogar etwas Greifbares zurück und findet sich im Gästebuch, das Kutscher in seinen „Erinnerungen“ erwähnt. Die Einträge darin gehen weit über eine Anwesenheitsliste hinaus und umfassen auch persönliche Widmungen und Verse. Austausch, persönliche Reaktion und gemeinsames Erleben hinterließen Spuren, die über den einzelnen Abend hinaus erhalten blieben.

Theater entsteht aus dem Leben. Cafés, Künstlerkneipen und andere Treffpunkte wirken mit ihrer lockeren und alltäglichen Atmosphäre wie kleine Szenen des Münchner Stadtlebens, in denen Alltag, Kunst und Theater immer wieder ineinandergreifen. Aus vielen solchen Orten und Momenten entsteht ein lebendiges kulturelles Stadtbild. In diesem kulturellen Klima findet auch die Verbindung von Theorie und Praxis in der Münchner Theaterwissenschaft einen fruchtbaren Raum. Zum 100-jährigen Jubiläum rücken viele Orte, die längst aus dem Stadtbild verschwunden sind, wieder in den Blick. Die mit ihnen verbundenen Vorstellungen und Denkweisen wirken bis heute weiter, prägen das Nachdenken über Theater und geben der weiteren Entwicklung der Münchner Theaterwissenschaft immer wieder neue Impulse.
Über die Autorin:
Yuyang Wei studiert Kunstpädagogik an der LMU München mit dem Nebenfach Kunst, Musik, Theater. In ihrem Studium beschäftigt sie sich besonders mit Kunst der Moderne und Gegenwart aus interkultureller Perspektive.
Für diesen Text verwendete Literatur:
Bartl, Andrea. „Auf der Suche nach der ‚neuen Bühne‘. Thomas Mann, Artur Kutscher und die Münchner Theateravantgarde.“ Thomas Mann Jahrbuch 21 (2008): 71–100.
Buglioni, Chiara Maria. „Das strittige Gebiet zwischen Wissenschaft und Kunst“. Artur Kutscher und die Praxisdimension der Münchner Theaterwissenschaft. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2016.
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