Ein Beitrag von Paula Noelle Oehmig
Der Gründervater
Der erste Name, über den man im Zusammenhang der Gründung der Theaterwissenschaft in München stolpert, und um den man nicht herum kommt, ist Artur Kutscher. Als offizieller Begründer des Forschungsbereichs in der bayerischen Landeshauptstadt ist das naheliegend und im Dialog fällt schnell das Synonym „Gründervater“, um sein Schaffen zu beschreiben. Ein völlig gängiger Begriff, der erstmal kaum in Frage gestellt wird; allerdings scheint das Wort für sich genommen bei genauerer Überlegung etwas seltsam. Wenn es einen „Gründervater“ gibt, ist die Schlussfolgerung zu einer „Gründermutter“ nicht abwegig, wirkt aber bei Gebrauch sperrig und so, als kenne man sich mit deutschen Redewendungen nicht aus.
Aber warum sollte man nicht nach Gründermüttern fragen, wenn der linguistische Counterpart so selbstverständlich ist?
Gründermütter?

© picture-alliance / newscom / Picture History | Mathew Brady.
Dass Männer in der Wissenschaft und auch anderen Bereichen gerne mal die (Mit-) Arbeit von Frauen als ihre eigene ausgeben bzw. die Lorbeeren für gemeinsame Errungenschaften kassieren, ist nichts Neues und mittlerweile unter dem so genannten Matilda-Effekt bekannt. Daher folgte auf meine ursprüngliche Vermutung, dass deswegen keine Gründermütter der Theaterwissenschaft bzw. ihrer Verankerung in München zu finden sind, die Hoffnung, nach einer gewissen Recherche vielleicht doch welche zu finden – sei es auch nur ein Hinweis auf einen Namen.
It´s raining men – mal wieder…
Diese Hoffnung wurde allerdings schnell eingebremst: Nicht nur bei oberflächlicher Suche stößt man wieder auf Artur Kutscher und seinen so genannten „Kutscher-Kreis„, ein Netzwerk für Lese-und Diskussionsabende sowie den intellektuellen Austausch (spoiler alert: alles Männer), sowie jegliche andere Männer, die selbst nur im Entferntesten etwas mit der Theaterwissenschaft in München zu tun hatten. Auch bei genauerem Hinsehen wird wieder einmal deutlich: Frauen wurde faktisch eine akademische Karriere durch Habilitation oder Professur verwehrt und auch die damals beinahe revolutionäre Besinnung, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Theater von seinen literarischen Vorlagen zu trennen, die Gründung des neuen Forschungsfeldes „Theaterwissenschaft“, blieb vorerst eine Männerdomäne.
Aber irgendwelche Frauen muss es doch gegeben haben?

Mit dem Blick auf die Schweiz, in der Frauen das gleichberechtigte Studium bereits seit den 1860er Jahren erlaubt war, findet man mit Anna Tumarkin die erste Professorin Europas und die vermutlich erste Frau weltweit, die in der universitären Wissenschaft Einsitz nahm. Als Professorin der Philosophie hielt sie in Bern Vorlesungen zur Ästhetik und Kunstphilosophie, welche die theoretischen Fundamente für die theaterwissenschaftliche Perspektive legten, bereits Jahre bevor an Universitäten Institute dafür begründet wurden.
In München bleibt die Suche nach Frauen in der Theaterwissenschaft zu Gründerzeiten an der Oberfläche allerdings erfolglos. Um herauszufinden, welche Frauen an der damaligen Theaterforschung beteiligt waren oder das Wissen in die Praxis brachten, müsste eine tiefergehende Recherche erfolgen. Anhand von archivierten Seminarlisten der von Artur Kutscher gehaltenen Vorlesungen beispielsweise, ließen sich Namen herausfinden und von dort aus weiter verfolgen – dies würde allerdings den Rahmen eines Blogbeitrages sprengen.
Grundsätzlich ist diese Perspektive bisher wenig bis gar nicht untersucht worden, was ein ums andere Mal zeigt, wie aktuell und unerschöpflich auch die internen theaterwissenschaftlichen Forschungsmöglichkeiten noch immer sind (looking at you, aktuelle und zukünftige Theaterwissenschaftler:innen und theaterinteressierte Historiker:innen).
Prägen und geprägt werden – Theaterwissenschaft existiert nicht ohne Theater
Außerhalb universitärer Wände gestalten einige Frauen den Gegenstand der Theaterwissenschaft
Wenn auch eine akademische Theaterforschung durch Frauen offiziell vorerst ausblieb, so wurde das deutsche Theater und die Münchner Kultur von vielen Frauen nachhaltig geprägt. Einige davon im Umfeld Kutschers und seiner Schüler wie z.B. Brecht und die Mann-Brüder – und zwar nicht nur als Ehefrauen und Musen, sondern als Co-Autorinnen, Kritikerinnen und Netzwerkerinnen.
Um der Frustration, keine Münchner Gründermütter gefunden zu haben, entgegenzuwirken, sollen die folgenden Porträts einen Einblick bieten, wie der Gegenstand der Theaterwissenschaft zu Gründerzeiten unter dem Einfluss von Frauen florierte. Selbstverständlich reicht der Platz hier nur für kurze Nennungen aus, wobei angemerkt sei, dass das Wirken dieser Damen weit darüber hinaus geht und in jedem Fall tiefere Recherchen lohnen.

Marie Luise Fleißer, die vermutlich bekannteste Schriftstellerin aus genannten Literaten-Kreisen, studierte in München und kam dort mit Kutschers Seminaren in Berührung. Später arbeitete sie eng mit Bertolt Brecht zusammen, wurde mit Fegefeuer in Ingolstadt bekannt und hinterließ beispielsweise Pioniere in Ingolstadt, das heute eine feministische und emanzipatorische Lesart über die weibliche Lust erlaubt, damals allerdings durch die Thematisierung dessen als skandalös diffamiert wurde.

Marianne Zoff war eine Opernsängerin und Schauspielerin und verkehrte neben ihrem Engagement am Augsburger Stadttheater auch in Münchner Kreisen. Ihre Beziehung zu Bertolt Brecht, mit dem sie dort in Kontakt kam, fiel genau in die Jahre, in denen dieser Seminare von Artur Kutscher besuchte und seine ersten Theatererfolge konzipierte. Dass sie allerdings nicht nur Brechts (kurzzeitige) Ehefrau war, sondern selbst und auch nach der Scheidung eine nicht unbedeutende Theaterkarriere hatte, bleibt oft ungesagt.
Helene Weigel war Schauspielerin und prägte durch ihre Beziehung und Ehe zu Bertolt Brecht stark die Frauenfiguren in seinen Stücken, welche sie ebenfalls auf der Bühne darstellte. Nach der gemeinsamen Gründung des Berliner Ensembles wurde sie Intendantin des Theaters und führte es auch nach dem Tod ihres Mannes.


Elisabeth Hauptmann wird als deutsche Schriftstellerin, Übersetzerin und Mitarbeiterin Brechts´ beschrieben. Dass sie die Dreigroschenoper aber nicht nur übersetzte, sondern auch zu großen Teilen daran mitgewirkt hat, verschwand im „kollektiven Produzieren“, genauso wie kleinere ihrer Arbeiten unter Brechts Namen fielen. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie Dramaturgin am Berliner Ensemble.
Erika Mann prägte die Münchner Kulturszene vor allem mit der Gründung und dem Betrieb des politischen Kabaretts „Die Pfeffermühle„. Dort schrieb sie nicht nur die Texte, sondern spielte teils auch selbst. Meist stand jedoch Therese Giehse, neben ihrer Arbeit als Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen, auf der Bühne der Pfeffermühle. Auch sie kann als prägende Frau der Münchner Theaterlandschaft verstanden werden. Beide waren ebenfalls politisch sehr aktiv.

Exkurs: Münchner Kulturtreiben geprägt von Frauen
Apropos Münchner Kultur: Kathi Kobus war zwar selbst keine Künstlerin, schuf aber als Wirtin der Kneipe „Simplicissimus„, vor dem Umzug „Dichtelei“, einen noch heute bekannten Treffpunkt für Künstler:innen und Literat:innen. Einige Inspirationen dürften dort durch die Entstehung von Netzwerken ihren Ursprung gefunden haben.
Ein weiterer Name, der bei dem Thema des Münchner Künstlerlebens nicht ungenannt bleiben darf, ist Franziska zu Reventlow, bzw. „Die Gräfin von Schwabing“, wie sie aufgrund ihres Einflusses auf das Lebens- und Kunstverständnis in Kreisen der Schwabinger Bohème ebenfalls genannt wurde.

Frauen der heutigen Theaterwissenschaft
Zurück zur Wissenschaft und in die Gegenwart
Bis heute hat sich einiges getan und man findet viele Frauen-Stimmen in der theaterwissenschaftlichen Lehre und Forschung. Das Münchener Institut darf sich mittlerweile mit zahlreichen Professorinnen und Dozentinnen wie Mariama Diagne, Berenika Szymanski-Düll, Barbara Gronau, Christiane Plank-Baldauf, Katharina Keim, Nic Leonhardt, Birgit Wiens und vielen weiteren Forscherinnen und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen schmücken. Ein besonderer Meilenstein ist die 2022 ins Amt berufene erste weibliche Institutsleiterin Meike Wagner, die in einem Interview auf diesem Blog mehr zur Münchner Theaterwissenschaft und dem 100-jährigen Jubiläum erzählt.
Die Frage nach den Gründermüttern steht allerdings noch immer und auch außerhalb des theaterwissenschaftlichen Kontextes wie ein Elefant im Raum und sollte nicht in Ruhe gelassen werden.
Nichtsdestotrotz war diese Zeitreise alles andere als erfolglos: Der kleine Ausschnitt aus dem breiten Spektrum an Frauen, die die Theaterlandschaft (in München) nachhaltig geprägt haben, zeigt, dass sie dies trotz patriarchaler Kleinhaltungsversuche geschafft haben und genau das gilt es aufzuzeigen, zu verbreiten und auch ein Jahrhundert später stark zu machen.
Über die Autorin
Paula Noelle Oehmig studiert Soziologie und Theaterwissenschaft an der LMU und konzentriert sich auf feministische Perspektiven und Ungleichheitsfragen.
Hinterlasse einen Kommentar