Text: Benedict D’Costa
Oft scheint es, als flüsterten geschichtsträchtige Orte uns zu und erzählten von all dem, was dort über die Jahre geschehen ist. Wenn man durch historische Straßenzüge läuft, spürt man das manchmal.
Eine Stimmung, die fragen lässt: Wer ist hier schon alles vor mit entlang gegangen? Welche Menschen haben hinter den verzierten Fassaden gelebt? Wer errichtete die Gebäude? Welche gesellschaftlichen Ereignisse hatten Auswirkungen auf das Geschehen in den Häusern? Welche Umstände führten über die Jahre zu Veränderungen?
Auch das Institut für Theaterwissenschaft befindet sich in einem Gebäude, das schon einiges erlebt hat. Seit 1883/84 steht es an seinem Platz – eng verbunden mit dem Nachbarhaus, mit dem es einen Block bildet.
Die Georgenstraße Nummer 9 und 11 wurden laut mündlicher Überlieferung im Auftrag zweier kinderloser Geschwister als Wohnhäuser errichtet. Dabei legten sie zwar Wert auf eine sich ähnelnde Anlage, wünschten sich dennoch eine individuelle Gestaltung. Durch den Bauunternehmer Jakob Heilmann (1846-1927) wurden diese Anforderungen schließlich umgesetzt, und so stehen die beiden Geschwisterhäuser bis heute zusammen und die ursprüngliche Idee bleibt noch immer nachvollziehbar.

Die bürgerliche Villa, die das Institut beherbergt, wurde im Stil der deutschen Renaissance gebaut und fällt durch ihre schlichte Backsteinfassade auf, die durch einen hellen Hausstein gegliedert wird. Der Bau besteht aus zwei Geschossen und einem darauf liegenden Zwischengeschoss, einem sogenannten Mezzanin. Der rechts vorspringende Teil des Baudenkmals, der Eckrisalit, ist durch große Fenster gekennzeichnet. Sie werden von Pilastern flankiert, die ein Gebälk tragen. Dadurch ergibt sich beim Rundbogenfenster im Erdgeschoss sogar das aus der Antike stammende Theatermotiv. Die Fassade der linken, nach hinten versetzten Gebäudehälfte wird durch deutlich schlichtere schmale Fenster durchbrochen, die nur durch eine Gesimsverdachung verziert werden. Deutlich kleinere Rundbogenfenster lockern die schlichte Gestaltung auf.

Foto: Benedict D’Costa.
Die Villa ist ein typisches Beispiel der historistischen Architektur des späten 19. Jahrhunderts.
In dieser Zeit wurden große Teile Münchens errichtet, um die vielen vom Land zuziehenden Menschen unterzubringen. Zwischen 1871 und 1900 wuchs die Stadtbevölkerung nämlich um das 2,7-fache an (vgl. Gribl 1999, S. 12). Grund dafür war vor allem die zunehmende Industrialisierung im Deutschen Reich.

Foto: Erna Peitz, in: Gribl 1999, S. 19.
Einer der vielen „Zugezogenen“ war der aus Unterfranken stammende Bauunternehmer Jakob Heilmann, von dem weiter oben schon kurz die Rede war. Nach seiner Ausbildung in München, Berlin und Zürich ließ er sich schließlich 1877 mit seinem Baugeschäft in München nieder. Hier führte er den Bau von bürgerlichen Ein- und Zweifamilienhäusern erfolgreich ein. In diesem Zuge entstanden wohl auch die beiden Bauten in der Georgenstraße.
Doch Heilmann ließ nicht nur private Gebäude errichten. Er setzte sich für eine Stadterweiterung Münchens ein und erstellte Pläne zur Stadtbebauung, die das Problem mangelnder Hygiene lösen sollten und neue Verkehrsadern bedachten. Auch beklagte er fehlende „feine Viertel“ in München und ließ ab 1892 mehrere Villenkolonien in den Vororten errichten.
Im Jahre 1892 begann Jakob Heilmann auch die Zusammenarbeit mit seinem Schwiegersohn Max Littmann (1862-1931) und schuf so das Hoch- und Tiefbauunternehmen Heilmann & Littmann.
Hierbei agierte Heilmann als Unternehmer und Ingenieur, während Littmann gestaltend als Architekt tätig war. Das Geschäft wurde zum größten Bauunternehmen Süddeutschlands und zeichnete zu seinen besten Zeiten für über 350 Bauprojekte im Jahr verantwortlich. Zusammen errichteten sie beispielsweise das Hofbräuhaus und die Warenhäuser Tietz und Oberpollinger, die bis heute das Bild Münchens prägen.
Einer der wichtigsten Gebäudetypen der Firma Heilmann & Littmann wurde jedoch eines: das Theater!
Über die Jahre realisierten das Unternehmen etwa das Prinzregententheater oder die heutigen Münchner Kammerspiele. Doch auch über die Stadtgrenzen hinaus wurden sie zu einem zentralen Unternehmen für repräsentative Theaterbauten. In Berlin-Charlottenburg entstand das Schillertheater, in Weimar das Großherzogliche Hoftheater, in Stuttgart die Königlichen Hoftheater, und es folgten weitere Theaterbauten in mehreren deutschen Städten.

Wer hätte also gedacht, dass hinter einer doch recht bescheidenen Fassade in der Münchner Maxvorstadt so prägende Persönlichkeiten zum Vorschein kommen?
Nachdem die Georgenstraße 11 seit den 1970er Jahren das Institut für Kunstgeschichte beherbergt hatte, scheint es also, als würden sich die Kreise der Geschichte schließen:
In ein Haus des Theater-Bauunternehmers Jakob Heilmann zog nach über 120 Jahren das Institut für Theaterwissenschaft der LMU ein.
Über den Autor:
Benedict D’Costa studiert seit vier Semestern an der LMU. Das Hauptfach Kunstgeschichte ergänzt Kunst, Musik, Theater im Nebenfach, wobei sein Fokus besonders auf dem 19. und 20. Jahrhundert in und außerhalb Europas liegt.
Für diesen Text verwendete Literatur:
Dallmeyer, Marie/Gabriele Wimböck: „Die Räume der Münchner Kunstgeschichte“, in: Stöppel, Daniela/Gabriele Wimböck (Hrsg.): Das Institut für Kunstgeschichte in München. 1909-2009, München 2009.
Gribl, Dorle: Villenkolonien in München und Umgebung. Der Einfluß Jakob Heilmanns auf die Stadtentwicklung, München 1999.
Heisler, Andreas: Stadt und Boden. Zur Stadterweiterungsdiskussion der Jahrhundertwende und den Grundstücksverhältnissen in München 1860-1910 (Miscellanea Bavarica Monacensia. Dissertationen zur Bayerischen Landes- und Münchner Stadtgeschichte, Bd. 160), München 1994.
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