Text: Frida Siller Deselaers

Das erste Semester Kunst, Musik, Theater war ein Wirbelwind. Als neue Studentin versuchte ich, mich in den Rhythmus von Vorlesungen, Proseminaren und Übungen einzufinden, und in gefühlt jeder ersten Sitzung wurde das aktuellste aller Hilfsmittel angesprochen: Künstliche Intelligenz.

Im Vordergrund spricht eine Figur eine Sprechblase mit einem Symbol für KI an einem Klassenzimmer mit gesetzten Studenten.
„Chatty fragen?!?“ – Illustration: Frida Siller Deselaers.

Meist erwähnt von den Professor*innen in einem verständnisvollen Ton á la: “Wir benutzen es auch in unserem Alltag! Wir möchten auch Wege finden, das Studium leichter zu machen! Vertraut uns!”, gefolgt von einer emphatischen Warnung, dass KI ungeeignet sei als Unterstützung für den Großteil der Studieninhalte. Denn die Geisteswissenschaften definieren sich mehr über Argumentation, Inhaltsverständnis und kritische Reflexion als über reine Kenntnis von Daten oder „Fakten“. Für unsere Prüfungen tauge KI daher nur bedingt. – Oder doch nicht?

Zuerst sollte geklärt werden, was genau hier mit „KI“, mit „künstlicher Intelligenz“ gemeint ist. KI ist ja ein Begriff, der gerne generell angewandt wird, hinter dem sich aber, bei genauerer Hinterfragung, eine Fülle an Unterkategorien und spezialisierten Einsätzen verbirgt. Nicht alle KI bzw. nicht alle KI-Anwendungen sind gleich kreiert, da allein schon die Quellen und Grenzen der Trainingsdaten, aus denen die jeweilige KI ihre Antworten/Ergebnisse speist, einen großen Unterschied in der ethischen und zuverlässigen Anwendung dieser Ergebnisse machen. In diesem Blog Post geht es mir hauptsächlich um die Anwendung kommerzieller Chatbots (wie ChatGPT und Gemini), deren Hauptfunktion natürliche Sprachverarbeitung ist, und die, je nach Modell, unterschiedliche Daten zur Verfügung stellen. Als Vergleich kann man KI-gestützte Programme für die Optimierung des Verwaltungsbereichs von Theater anschauen: Das KOKOS.event Programm verwendet zum Beispiel nur Datenmengen unmittelbar aus der jeweiligen Spielstätte und unterscheidet zwischen algorithmischer Problemlösung und natürlicher Sprachverarbeitung als Funktionen der KI.

Ein Hinweis auf KI-Verwendung im Studiengang, der mir speziell im Kopf geblieben ist, lässt sich aber besonders auf die Theaterwissenschaft beziehen: Dieser kam aus der Vorlesung “Theaterarbeit heute” mit Professorin Mariame Diagne, die ich in meinem ersten Semester belegte. Bei der Vorlesung gab es immer gegen Anfang der Veranstaltung einen kurzen “Bewegungsmoment”, in dem Prof. Diagne Musik über einen Lautsprecher spielte und uns alle in semi-choreografierten Tanzbewegungen führte. (Ich kann mir vorstellen, dass dieses Warm-Up für manche Kommiliton*innen im Saal die einzige Erlösung ihrer Rückenmuskeln in der Woche war.)

Eines Tages führte uns die Dozentin in eine “Body-Roll”-artige Bewegung ein und sagte so etwas wie: „Spürt die Bewegung in eurer Wirbelsäule. Diese Bewegung kann noch nicht artifiziell nachgeahmt werden. Sie gehört zu einem der Dinge, die nur ihr alleine könnt, nicht mit Hilfe von Robotern oder KI.”

Einen Body-Scan kann nur ein Mensch allein. – Illustration: Frida Siller Deselaers.

Dieser Satz beeindruckte mich irgendwie, da er zum ersten Mal die Trennung menschlicher und künstlicher Intelligenz oder Kapazität in Hinsicht auf Fähigkeiten, die wir schon haben, ansprach; nicht welche, die wir noch entwickeln müssen – wie etwa Recherche, wissenschaftliche Beurteilung und kritisches Denken. In uns ist schon so viel angelegt, was KI noch nicht kann (oder auch nie können wird?).

Ich komme aus dem Bereich digitaler Medien mit einem Hauptfach in Medienkulturwissenschaft und habe eine abgeschlossene Ausbildung in Mediengestaltung, Bild und Ton. Daher habe ich ein ziemlich konkretes Bild davon, wie das Gespräch um KI in der Entwicklung und Verwendung in diesem Bereich aussieht.

Da ich relativ neu im Gegenstandsgebiet Theater bin, und mir die Frage nach KI in Theater und in der Theaterwissenschaft keine Ruhe ließ, inspiriert auch durch die oben geschilderte Praxis-Erfahrung des „Body-Scans“, machte ich mich auf, meine theaterwissenschaftlichen Kommiliton*innen in einer Umfrage zu befragen, wie sie es mit der KI in ihrem Studium halten.

Consensus der Umfrage war größtenteils, dass KI für Studieninhalte zu unzuverlässig sei, und dass, um Fehlinformationen zu vermeiden und KI-Verwendung kenntlich zu machen, aufwändige Aufarbeitung und Recherche nötig sind. Manche Befragten gaben an, dass sie KI benutzen, um nach der Recherche Lücken und Übereinstimmung zu prüfen. Eine Kommilitonin sagte beispielsweise:

„Manchmal [verwende ich es] als Recherche-Tool. Hab mich mal mit einer Fehlinformation blamiert. Ansonsten mag ich’s gerne, meine Gedanken in [die] KI reinzusprechen und mir das Gesagte zusammenfassen zu lassen.“

Explitzite Vorbereitung für das wissenschaftliche Arbeiten mit KI ist im Haupt- und Nebenfach spärlich. Hier weitere Stimmen aus der Umfrage:

„Eine Professorin hat uns ein besseres KI-Tool als ChatGPT vorgeschlagen, Gemini, glaub ich.“

„Wir hatten eine Stunde eine Frau da, die sich mit den KI-Regeln unseres Studiums auskannte und uns diese erklärt hat. Sonst haben wir paar mal kurz ausprobiert, wie man mit KI Quellen suchen kann. Das Ergebnis war nicht so gut.“

Nun ja. Dazu kann man sagen, dass das Verwenden von KI in der Theaterforschung auch (zumindest in Deutschland) sich noch in der Entwicklungsphase befindet. In der Kunst und in den Medien ist es ein weit verbreitetes Thema, aber dieser Post beschäftigt sich spezifisch mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, besonders in München. Sonst gibt es auch das IKIB, das Institut für Künstliche Intelligenz und Bühne des Theaters Magdeburg, welches sich mit der künstlerischen Auseinandersetzung mit KI, wie auch mit den technischen Ausweitungsmöglichkeiten des Mediums befasst. Aber auch im Residenztheater München wird mit KI-Einsatz experimentiert, und zwar auf dem Gebiet des Bühnenbilds.

Für Studierende der TWM gibt es zwar keine aktuellen Forschungsprojekte, die sich explizit mit dem Thema KI auseinandersetzen, dennoch gibt es die Studiobühne, in/auf der Studierende Theaterprojekte veranstalten und mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Thematiken experimentieren können. Natürlich auch mit KI. Im Juli wurde etwa das One-Man-Musical A Minor Breakdown gezeigt, in dem es unter anderem um das Künstlertum im Zeitalter sozialer Medien und KI geht.

Neuerdings gibt es für Studierende die Möglichkeit, sich in die Schnittstelle zwischen Kunst und KI einzuarbeiten und ein Hauptfach in Theaterwissenschaft mit einem Nebenfach in Künstlicher Intelligenz zu kombinieren. Allerdings wird die spezifische Zweigung KI mit Geisteswissenschaft laut Modulplan erst im 4. Semester empfohlen.

„Was kannst Du, was ich nicht kann?!“ – Illustration: Frida Siller Deselaers

Die Verknüpfungen von KI und Theaterwissenschaft an der LMU sind also noch in der Entwicklung. Wobei diese Entwicklung, wie in allen anderen Bereichen, nicht optional ist. Vor allem, weil Theater sich als Kunst zwingend mit dem gesellschaftlichen und medialen Wandel beschäftigt. Aber KI kann schlecht eine Performance generieren, wie es ein Bild oder ein Text generieren kann. Es stellt sich die Frage, inwieweit es möglich ist, KI auf der künstlerischen Ebene im Studium zu integrieren, und ob das überhaupt erwünscht ist, von Studierenden, die wahrscheinlich genau wegen der Performance bezogenen (live) Aspekte an Theater interessiert sind.

Meine im Kontext der Umfrage interviewten Kommiliton*innen reagierten jedenfalls unterschiedlich auf Fragen zum KI-Einsatz im Studienalltag – und im Theater:

„Irgendwie fällt mir […] nicht wirklich etwas [beim Studienfach] ein, bei dem man KI nicht verwenden könnte. Mal davon abgesehen, dass sie nicht immer 100% korrekt ist und nicht so vertrauenswürdig.“

„Wenn es darum geht, was der Studieninput bzw. die Kunst mit einem macht, was einen wirklich inspiriert, ob etwas berührend ist[,] – [d]as muss alles ein menschlicher Körper empfinden.“

„Das analoge Theater und die digitale KI treffen sich, und es entsteht etwas Neues. Das darf meiner Meinung nach blöd, aber auch faszinierend gefunden werden. Ich persönlich finde KI-Einsatz okay, solange die Projekte von echten Menschen mit echten Herzen realisiert werden.“

„Ich würde hoffen, dass Leute im Kreativbereich genug gegen KI haben, um sie nicht im Kunstbereich zu benutzen. Aber vielleicht ist das auch nur eine naive Hoffnung.“

Ganz schließen sich die Meinungen gegenseitig nicht aus. Grundlegend sind die Befragten sich indes einig, dass die analogen Wurzeln des Theaters der Attraktionspunkt des Studienfachs bleibt, auch wenn die Innovation durch KI vermeintlich dazugehört oder unausweichlich ist. Spannend bleibt es zu verfolgen, welche Änderungen im Studienfach folgen, und wie langanhaltend sie sein werden.

Über die Autorin: Frida Siller Deselaers studiert im Hauptfach Medienkulturwissenschaften und im Nebenfach Kunst, Musik, Theater im zweiten Semester. Sie hat, inspiriert vom Thema Künstliche/künstlerische Intelligenz, ihre eigenen Illustrationen gefertigt.

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