Wer um 1960 an der LMU Theater studierte, konnte bei einem distinguierten älteren Herren jeden Freitag zwischen 11 und 13 Uhr im Raum 110 die lebendigste Universitätsveranstaltung zum Thema erleben. Sie hieß „Übungen zur Theater- und Filmkritik anhand des Münchner Spielplans“, und der hochgebildete und weltläufige Hochschullehrer Hanns Braun, zudem Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung, stammte keineswegs aus dem Institut für Theatergeschichte, sondern war Vorstand des Instituts für Zeitungswissenschaft.

Hanns Braun (1893-1966)

Nun muss man wissen, dass es seinerzeit zwar das aufregendste aktuelle Theater in München gab, etwa die Inszenierungen von Fritz Kortner, Rudolf Noelte oder Hans Lietzau in den Kammerspielen bzw. im Residenztheater, aber dieses Theater kam als szenische Kunst in der Münchner Theaterwissenschaft praktisch nicht vor. Die wissenschaftliche Beschäftigung galt den Theatertexten, also den Dramen, bevorzugt klassischer Autoren, und der Geschichte des Theaters seit der Antike. Shakespeare war ganz gut bei den Anglisten aufgehoben, vor allem bei Wolfgang Clemen und bis hin zu dem von ihm inspirierten genialen und umfassenden Shakespeare-Handbuch von Ina Schabert. Aber das ist eine andere Baustelle.

Im Kontrast zu dem eher zurückhaltenden Verhältnis der Münchner Universität zur Wissenschaft vom Theater als szenischer Kunst, stand neben dem professionellen Theater, zu dem auch noch ein bayerisches Volkstheater und die Münchner Märchenbühne (die heutige Schauburg) von Siegfried und Annemarie Jobst gehörte, das sehr lebendige Studententheater; aber auch die ersten Theaterversuche von Rainer Werner Fassbinder machten schon von sich reden.

„ACH!“

Das Institut für Theatergeschichte war mehr oder weniger Bestandteil des Seminars für deutsche Philologie, und studieren konnte man Theatergeschichte als Hauptfach nur zusammen mit der Neueren deutschen Literaturgeschichte. Als ich im Wintersemester 1960/61 mit dem Studium in München begann, war Hermann Kunisch, renommierter Professor für Germanistik, auch Vorstand des Theaterinstituts. Meiner Erinnerung nach hat er in all den Jahren keine Lehrveranstaltung angeboten, die irgendetwas mit Theater zu tun gehabt hätte. Im Theaterinstitut, das damals im Hauptgebäude der Universität seinen Raum hatte, hielt stattdessen der Assistent Wilfried Passow, der später bei Klaus Lazarowicz promovierte, einsam die Stellung und führte die Geschäfte. Unvergesslich sind die von ihm organisierten Ausflüge zu den Ritterspielen nach Kiefersfelden.

Der apl. Professor Edgar Hederer faszinierte mit seinen Vorlesungen ­ unvergesslich das „ACH“, mit dem er seine Kleist-Vorlesung schloss ­, und seinen Seminaren. In Studierendenkreisen ging das Gerücht, er würde auf den noch gar nicht existierenden Lehrstuhl für Theaterwissenschaft berufen, aber Hederer starb schon 1962 mit nur 53 Jahren. Klaus Lazarowicz war damals am Lehrstuhl für deutsche Philologie als wissenschaftlicher Oberassistent für Textkritik, Stilkritik und Methodik zuständig und wurde 1964 kommissarischer Leiter des Instituts für Theatergeschichte. Bis dahin hatte auch er wenig mit dem Theater als Kunstform zu tun gehabt.

Theater in Deutschland. Buchdeckel der Publikation von Hanns Braun. München: Bruckmann 1913.

Und dann gab es noch die Legende Artur Kutscher, seit 1915 außerordentlicher Professor, der zwar 1951 in Ruhestand ging, aber bis zu seinem achtzigsten Lebens- und gleichzeitig Todesjahr 1958 Lehrveranstaltungen abhielt. Nun hätte es sich angeboten, Hanns Braun, der seit 1949 eine Honorarprofessur für Theaterkritik innehatte, quasi die Nachfolge Kutschers antreten zu lassen, aber das ließ sich nicht realisieren, schon weil die Theaterkritik am Institut für Zeitungswissenschaft angesiedelt war. Und so wurde Hanns Braun 1954 dort Institutsvorstand und nicht am Theater-Institut.

Braun hatte mit 23 Jahren als Theaterkritiker 1916 in München angefangen, war dort bis zu seinem Schreibverbot im Frühjahr 1944 tätig und dann wieder nach 1945 bei der neu gegründeten Süddeutschen Zeitung, aber auch bei der Zeit. Er schrieb Theaterstücke, 1952 sein Buch Theater in Deutschland, und eines, das Vor den Kulissen hieß und dessen unterhaltsame 20 Kapitel von „Der Vorhang“ bis zum „Happy End“ reichen. Zahlreiche Auflagen erlebte sein Anekdotenbuch Hier irrt Goethe – unter anderen. Eine Lese von Anachronismen von Homer bis auf unsre Zeit (1937). Er ist aber auch der Urheber des Spruchs auf dem Münchner Siegestor:„Dem Sieg geweiht – Vom Krieg zerstört – Zum Frieden mahnend.“

In der gesamten Zeit, bis zu seinem Tod 1966, gab es diese besonderen Übungen, in denen sich alle an Theater und Film interessierten Studierenden versammelten. Gert und Elke Heidenreich waren zum Beispiel dabei, aber auch die späteren Filmregisseure Roland Klick und Werner Herzog. Denn ebenfalls aus dem Institut für Zeitungswissenschaft war ab 1956 das DIFF hervorgegangen, das Deutsche Institut für Film und Fernsehen. In deren Veranstaltungen wurden in der Theatiner Filmkunst Filme aus dem NS-Giftschrank gezeigt, wie Kolberg oder Jud Süß; es wurden auch „Filmmenschen“ eingeladen, etwa der schon etwas ältere Luis Trenker und der noch sehr junge Roman Polanski mit seinem ersten Spielfilm Das Messer im Wasser. Polanski war auch Gast in den Übungen zur Theater- und Filmkritik, zusammen mit dem Leiter der Filmhochschule Lodz, Jerzy Bossak.

Und so waren die Themen und Diskussionen in Brauns Übungen eben nicht nur im Schauspiel angesiedelt, sondern auch im Film, mit Diskussionen umstrittener neuester Filme; auch das Ballett wurde zum Thema. Braun lud, schließlich war er seit Jahrzehnten in der Szene zu Hause, auch oft die Regisseure der Inszenierungen ein, –  darunter etwa August Everding , die sich den kritischen Auseinandersetzungen stellten. Und da ging es oft hoch her. Wir Studierenden konnten bei Braun lernen, wie man eine zwar scharfe, aber immer faire Diskussion führt. Waren doch unsere ästhetischen Vorstellungen meilenweit von denen der bürgerlichen Kulturkonsumenten entfernt, die etwa Kortners Richard III. Inszenierung bei der Premiere vehement ausbuhten. Wie Braun bei den Theater Lehrenden war es der aus studentischer Sicht ebenso „uralte“ Kortner bei den Regisseuren, der uns mit seinen mitreißenden Arbeiten auf dem Theater faszinierte und uns eine neue Sicht auf die Klassiker eröffnete. Wobei der Hauptunterschied seiner Theaterarbeit zu der heute aktuellen darin bestand, dass der dichterische Text Satz für Satz, um nicht zu sagen Wort für Wort, szenisch ausgedeutet wurde. Es versteht sich von selbst, dass es da keinen Platz für irgendwelche Einfügungen, also Fremdtexte gab.

Fritz Kortner war der erste Regisseur mit für damalige Zeiten endlosen, monatelangen Probenzeiten, die sich ein Theater auch leisten können musste. Manchmal wurde an der szenischen Umsetzung eines Satzes stundenlang geprobt, um dann am nächsten Tag damit vom neuen akribisch zu beginnen. Hier unterschied er sich etwa von Rudolf Noelte, der mit einem klug und genau ausgetüftelten fertigen Konzept auf die Probe kam und dieses umsetzte, ohne sich groß auf Diskussionen mit den Schauspielern einzulassen.

Da ich mein Studium zu großen Teilen als Bühnenarbeiter bei den Kammerspielen verdiente, konnte ich die unterschiedlichen Inszenierungsmethoden und Stile gut beobachten. Unvergesslich bleibt für mich bis heute jener Sonntagmorgen 1966, als Kortner für die Schallplatte Shakespearemonologe auf der Bühne der Kammerspiele aufnahm ­ moderiert und bei Laune gehalten vom Intendanten August Everding. Als er den Shylock-Monolog mit gestischer Unterstützung rezitierte, machte ihm Everding spontan ein Angebot: „Herr Kortner, ich ändere den Spielplan. Shylock. Im Januar Shylock.“ Kortner winkte resigniert ab: „Das ist nicht mehr drin. Darüber sprechen wir ein ander Mal.“ Hans-Jürgen Syberberg hatte mitgedreht und später daraus einen instruktiven Film gemacht. Eine Theaterinszenierung mit Fritz Kortner als Shylock gab es zwar nicht mehr, aber Otto Schenk inszenierte den Kaufmann von Venedig noch mit ihm als Film (1968) .

Ordentlich studiert: Das Studienbuch von Hartwin Gromes. Anfang der 60er Jahre. Foto: Privatsammlung des Autors.

Diese Zeit endete 1966 mit dem Tod Hanns Brauns, der Ablösung des DIFF durch die weit professionellere Hochschule für Film und Fernsehen, deren erster Präsident Otto B. Roegele, Brauns Nachfolger, als nunmehr Ordinarius für Zeitungswissenschaft, wurde, und der Ernennung von Klaus Lazarowicz als ordentlicher Professor und Institutsleiter. Theaterwissenschaft wurde Prüfungsfach, und ab 1968 konnte man auch darin promovieren. Die Wissenschaft näherte sich dem Theater, dessen Premieren Höhepunkte im Kulturleben der Stadt waren, umstritten und viel diskutiert. Und das nicht nur in der Presse.

Über all die Jahre hat sich die Theaterwissenschaft als weitreichende Inter-Disziplin mit genügend Spielraum für Erweiterungen des Fachspektrums erwiesen. Sie ist mittlerweile eine anerkannte Wissenschaft der szenischen Künsten, nicht nur in München, nicht nur in Deutschland, sondern auch international.

Über unseren Gastautor

Hartwin Gromes, Apl. Prof. i.R. Dr., Theaterwissenschaftler, Dramaturg, Dozent und Autor, wurde 1941 in Dessau geboren. Von 1960 bis 1966 studierte er an der LMU Neuere deutsche Literatur und Theatergeschichte im Hauptfach und Zeitungswissenschaft und Soziologie im Nebenfach. Die Promotion erfolgte 1967 ebendort. Professor Gromes arbeitete von 1967 bis 1988 als Theaterdramaturg, anfänglich in Münster, dann in Wiesbaden, Stuttgart, Heidelberg und Basel mit anschließenden Gastdramaturgien in Bonn und Düsseldorf. Von 1988 bis 2007 wirkte er als Hochschuldozent an der Universität Hildesheim am Institut für Medien, Theater und populäre Kultur, danach, bis 2010, als  Gastdozent an der Hochschule der Künste Zürich.

Hartwin Gromes in der Villa Stuck, 2016. Foto: privates Archiv des Autors.
Hartwin Gromes in der Villa Stuck, 2016. Foto: privates Archiv des Autors

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen ist er als Theater- und Buchautor tätig. Unter seinen jüngsten Veröffentlichungen, verfasst gemeinsam mit Felix Huby, erschien 2021 Clara Zetkin und ihre Söhne – ein biografischer Roman.

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