Ein Gespräch mit Meike Wagner, geführt von Amelie Larsen & Leni Matzig

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums an der LMU München haben wir, Amelie Larsen und Leni Matzig, Meike Wagner zum Gespräch getroffen. Sie ist seit 2022 Professorin und die erste weibliche Lehrstuhlinhaberin. Im Interview spricht sie über die Geschichte des Fachs, aktuelle Entwicklungen und ihre Wünsche für die kommenden Jahre. Das Gespräch wurde von uns geführt und für diesen Beitrag redaktionell bearbeitet. Viel Spaß beim Lesen und beim Eintauchen in die Geschichte, Gegenwart und Zukunft!

TWM-Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Meike Wagner. Foto: privat.

Zurück an die LMU: Warum Meike Wagner nach München kam

Nach mehreren Jahren an der Universität Stockholm entschied sich Meike Wagner bewusst für eine Rückkehr an das Institut für Theaterwissenschaft der LMU München. Ausschlaggebend war vor allem die enge Verbindung von Forschung und Lehre, die sie als zentrale Stärke der deutschen Universitätskultur beschreibt. 

„Also die enge Verbindung zwischen Forschung und Lehre habe ich schon sehr, sehr vermisst.“

Während die Lehre andernorts stärker standardisiert sei, ermöglicht das Münchner Institut eine Ausbildung, die Studierende unmittelbar an aktuelle Forschungsfragen heranführt. Seminare entstehen hier aus laufenden Projekten, wissenschaftliche Neugier wird gemeinsam erprobt. Zum Beispiel bei digitalen Formen der Theatergeschichtsschreibung oder der Auseinandersetzung mit Amateurtheater.

Hinzu kommt für Wagner die Bedeutung des deutschsprachigen Raums für ein Fach, das wesentlich über Sprache, Körper und kulturelle Kontexte funktioniert. „Theater ist natürlich auch ein sprachbasiertes Medium“, erklärt sie und beschreibt die Rückkehr nach München zugleich als Rückkehr in einen vertrauten wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenhang. Das Umfeld kannte sie bereits aus ihrer früheren Tätigkeit am Institut.

„Für mich war die TWM schon immer ein fantastischer Ort des Lehrens und Forschens.“

Ein Institut mit Haltung: Offenheit, Austausch und Praxisbezug

Was das Institut für Theaterwissenschaft an der LMU besonders auszeichnet, ist für Wagner seine demokratische und dialogische Kultur. Unter ihrem Vorgänger Chris Balme habe sich eine Arbeitsatmosphäre etabliert, die auf Zugänglichkeit, Austausch und flache Hierarchien setzt. Studierende und Mitarbeitende in frühen Karrierephasen sind hier ausdrücklich Teil wissenschaftlicher Diskussionen. Gleichzeitig ist das Institut seit vielen Jahren eng mit der Theaterpraxis vernetzt. 

Theater ist nicht nur eine künstlerische Praxis, sondern immer auch eine gesellschaftliche Praxis.“

Entsprechend gehe es am Institut immer wieder um Kooperationen mit Theatern, um Fragen der Arbeitsbedingungen, der gesellschaftlichen Relevanz oder der institutionellen Strukturen von Theater. Diese Haltung erzeugt bewusst Distanz zum sogenannten „Elfenbeinturm“. „Wir wollen wissen, wie Theater in der Gesellschaft funktioniert, was es bewegen kann, und wie Gesellschaft Theater verändert“, so Wagner. Theaterwissenschaft, wie sie hier verstanden wird, bezieht Stellung und öffnet sich gesellschaftlichen Debatten.

100 Jahre Theaterwissenschaft: Emanzipation, Brüche und neue Perspektiven

Die Geschichte der Theaterwissenschaft an der LMU München beschreibt Wagner als Emanzipationsgeschichte. In ihren Anfängen löste sich das Fach bewusst von einer rein literaturwissenschaftlichen Perspektive auf Dramentexte und entwickelte ein Verständnis von Theater als performative, körperliche und gemeinschaftsstiftende Praxis. Diese Öffnung brachte jedoch auch problematische Verflechtungen mit sich, insbesondere in den 1930er- und 1940er-Jahren, als theaterwissenschaftliche Konzepte mit völkischen Ideologien verbunden wurden – ein Kapitel, das heute kritisch reflektiert werden muss.

Aus dieser Auseinandersetzung heraus entstand ein Theaterbegriff, der Dramen weiterhin ernst nimmt, sie aber als eine von vielen Theaterformen begreift. Spätere Forschungsschwerpunkte – etwa Intermedialität, Performativität oder Aufführungsanalyse – spiegeln internationale Entwicklungen ebenso wider wie ein wachsendes Interesse an gesellschaftlichen Dynamiken. Seit den 2000er-Jahren rücken verstärkt Fragen nach Theater als Institution in den Fokus: Wer besucht Theater? Welche sozialen Codes prägen den Theaterraum? Und wie verändern alternative Spielorte und neue Formate das Theatererlebnis?

Jubiläumsjahr und Neuanfang: Geschichte gemeinsam befragen

Die Übernahme der Professur im Jubiläumsjahr erlebt Meike Wagner als intensive, arbeitsreiche und zugleich beglückende Phase. 

Alle sind wahnsinnig busy – aber auch wahnsinnig beglückt.“

Das Institut befindet sich in einer besonderen Verdichtung: Lehrende, Mitarbeitende und Studierende arbeiten mit großer Energie an gemeinsamen Projekten, tauschen Perspektiven aus und entdecken neue Bezüge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Fachs. Das Jubiläum wird dabei nicht nur als Anlass zum Feiern verstanden, sondern als Möglichkeit, innezuhalten, zurückzublicken und Fragen neu zu stellen: Wie ist das Institut zu dem geworden, was es heute ist und welche Entscheidungen, Brüche und Umwege gehören zu dieser Geschichte? Zugleich ist Wagner bewusst, dass sie selbst Teil dieser Geschichte ist. 

Vielleicht wird in 100 Jahren jemand sagen: Ach, guck mal, erst 2022 wurde hier die erste Frau auf den Lehrstuhl berufen“, sagt sie. Insgesamt geht es dabei nicht um eine heldenhafte oder lineare Gründungserzählung. Symbolisch dafür steht der spielerisch-kritische Umgang mit der Büste des Institutsgründers Artur Kutscher. Sie wird nicht in einem Museum verehrt oder staubt in einer Ecke ein, sondern wird von Studierenden immer wieder neu kontextualisiert, kommentiert und humorvoll bekleidet. Respekt und Distanz verbinden sich hier zu einer Haltung, die Geschichte ernst nimmt, ohne sich von ihr festschreiben zu lassen. Gerade diese Form des Umgangs macht sichtbar, dass historische Figuren ambivalent sind und dass wissenschaftliche Traditionen nicht einfach übernommen, sondern immer wieder befragt werden müssen.

Wir haben Respekt vor dieser Gründungsfigur, aber wir lassen uns kein X für ein U vormachen.“ (Meike Wagner)

Büste von Artur Kutscher im Institut der TWM. Foto: Leni Matzig am 27.01.2026.

So wird das Jubiläum zum Anlass, den Blick zu weiten: Neben der Gründungsphase rücken auch spätere Umbrüche in den Fokus, wie etwa die institutionellen Veränderungen der 1960er- und 1970er-Jahre, die Ausdifferenzierung des Fachs oder die Erfahrungen verschiedener Generationen von Studierenden. Geschichte erscheint hier nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als lebendiger Prozess, an dem viele Akteurinnen und Akteure beteiligt waren und sind.

Blick nach vorn: Warum Theaterwissenschaft Zukunft hat

Für die kommenden 100 Jahre wünscht sich Meike Wagner eine Theaterwissenschaft, die ihre Offenheit, Beweglichkeit und Neugier bewahrt und immer wieder den Mut findet, sich neu zu erfinden. Sie erlebt Theaterwissenschaft als „eine sehr lebendige Wissenschaft“, die sich immer wieder erneuert und gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt. Gerade im Austausch mit anderen Disziplinen falle auf, wie sehr theaterwissenschaftliche Perspektiven Diskussionen öffnen können. Als Wissenschaft der Präsenz und der Praxis könne die Theaterwissenschaft Fragen stellen, die in anderen Disziplinen oft zu kurz kommen.

Auch im Kontext digitaler Transformationen und aktueller KI-Debatten sieht Wagner im Theater und in seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung eine besondere Stärke. Theater ist ein körperliches, gemeinschaftliches Medium, das auf Anwesenheit, Wahrnehmung und Resonanz angewiesen ist. 

Am Schluss ist Theater doch immer eine sehr körperliche Praxis, die Präsenz erfordert.“

Es lebt davon, dass Menschen sich gemeinsam in einem Raum befinden, aufeinander reagieren und von den Reaktionen anderer mitbewegt werden. Diese Dimension lässt sich nicht vollständig virtualisieren oder automatisieren und genau darin liegt eine Form von Widerständigkeit.

Dass Theater immer wieder für überholt erklärt wird, gehört für Wagner zur Geschichte des Mediums. Gleichzeitig zeigt gerade diese wiederkehrende Krise seine Erneuerungskraft. Neue Formen, neue Räume und neue Arbeitsweisen entstehen immer wieder aus gesellschaftlichen Veränderungen heraus. Theaterwissenschaft und Theater stehen dabei in einem engen Wechselverhältnis: Sie beobachten, hinterfragen und inspirieren sich gegenseitig. In dieser Verbindung sieht Wagner eine große Zukunftschance – für ein Fach, das nicht nur analysiert, was war, sondern auch mitdenkt, was sein könnte.

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