
Gerne erzähle ich die Anekdote, dass ich während der Abi-Zeit eigentlich den Vorsatz hatte, Chirurgin oder Tierärztin zu werden, dass ich dann aber, nach einem Besuch im BIZ (Berufsinformationszentrum) (sic!), eines Besseren belehrt wurde, und mir der – heute museumsreife, damals brandneue – BIZ-Computer aufgrund eines Vorlieben-Fragebogens dringend nahe legte, Theater- und Medienwissenschaft zu studieren. Das schien irgendwie zu meiner Liebe zu den Künsten und meiner journalistischen Begabung zu passen. – Und wenn ich mir vor Augen führe, dass ich seit nurmehr 30 Jahren beruflich und leidenschaftlich der Theaterwissenschaft und den audiovisuellen Medien (so hieß mein erster Studiengang!) verpflichtet bin, lag der Computer damals gar nicht so falsch.
Ebenso anekdotisch erzähle ich aber auch gern, dass ein älterer Freund in meinem Gymnasium damals aus Scherz in der Abi-Zeitung „Theaterwissenschaftler“ als Berufswunsch angab. Er – heute übrigens Zahnarzt! –, lacht heute noch darüber, dass es wirklich Menschen gibt, die das geworden sind, was er clownesk für seine ideale professionale Zukunft anvisiert hatte.
Augen auf bei der Berufswahl!
Ach ja, die Theaterwissenschaft. Oder sagt man „die TheaterwissenschaftEN“? Oder, wie eine Kommilitonin in ihrer Master-Arbeit damals (aus Schusseligkeit) schrieb, das „TheaterwissenSCHAF“?
„Die Theaterwissenschaft habe zwei Feinde, soll ein Germanist einmal gesagt haben: Das Theater und die Wissenschaft“, so beginnt Christopher B. Balme, ehemals Lehrstuhlinhaber des Münchner Instituts, seine Einführung in die Theaterwissenschaft. Leider wissen wir nicht, welcher Germanist diese Aussage traf, aber zumindest wissen wir, dass sie ins Mark trifft.
Ja, ist denn Theater eine Wissenschaft? Wie weit reicht der Begriff des Wissenschaftlichen? Wo kommen wir denn hin, wenn wir jetzt auch schon eine Wissenschaft vom Theater etablieren?
Nun, wir kommen der Sache, und in unserer Sache hier, dem Jubiläum „100 Jahre TWM“, ziemlich nahe!
Artur Kutscher, der in überkommenem (?) patriarchalem Sprech auch als „Gründungsvater“ der Theaterwissenschaft in München erwähnt wird, schreibt zu diesem Hin und Her zwischen Theater und Wissenschaft (und der Germanistik!) in seinem Vorwort zur Neuauflage seines Buches Grundriss der Theaterwissenschaft 1949:

„Herrn Professor Max Herrmann sind die Vorarbeiten zur Begriffsbildung der Theaterwissenschaft zu danken. Die Bezeichnung „Theaterwissenschaft“ aber gab es 1909, als ich Theaterwissenschaft zu treiben begann, noch nicht. Ich habe den Namen und die Methode der Theaterwissenschaft geprägt und zwar in Gemeinschaft mit Herrn Geheimrat Professor Leidinger der Bayerischen Staatsbibliothek. Ich schlug zuerst vor, „Theaterwissenschaften“ zu sagen wegen der unentbehrlichen Nebenfächer, Leidinger aber riet ab wegen der wissenschaftlichen Bestimmtheit des neuen Begriffes. Diese unsere Bezeichnung Theaterwissenschaft hat sich an fast allen deutschen Universitäten und auch bei den meisten anderen Kulturvölkern durchgesetzt, und die in München aufgestellte Behauptung, es gäbe keine Theaterwissenschaft und werde nie eine geben, ist widerlegt.“
Artur Kutscher, Unterwössen (Chiemgau), im Januar 1949.
Nun, es schmerzt ein wenig, dass ausgerechnet in der Theaterstadt München überhaupt ein Zweifel daran bestehen konnte, dass Theaterwissenschaft einen wissenschaftlichen Anspruch haben könnte.
„Lest Ihr nur Theatertexte?“ lautet bis heute eine Frage an Studierende der Theaterwissenschaft. „Spielt Ihr den ganzen Tag Theater“? eine andere. “Und was macht man dann damit?“ – eine weitere ‚beliebte‘ Frage aus Unkenntnis. Aber Holla die Waldfee, wenn wir anfangen, über das Fach und seinen Reichtum zu sprechen! Dann bekommen immer alle leuchtende Augen und geraten ins Staunen: Theater, darstellende Künste, Politik, Gesellschaft, Rhetorik, Anthropologie, Medien, Film, Werbung, Schauspiel- und Spieltheorie, (Inter-)Medialität, Gaming, Augmented Realities, Sozial-, Kultur-, Globalgeschichte, Szenographie, Kleidung, etc. Voilà: alles unser Investigationsbereich!
Das konnte der Artur damals noch nicht wissen. Oder doch?
Aber mein Freund, der Zahnarzt, hatte das ganz sicher nicht auf dem Schirm. Was ist schon ein Zahn gegen einen Zauberwald?!
Die Theaterwissenschaft, so könnte man nach einiger Überlegung auch sagen, hat zwei Freund*innen: Theater und die Wissenschaft.
Ich wünsche allen Studierenden die gleiche Freude beim Entdecken des Reichtums unseres Fachs in Forschung und Lehre, wie sie mich seit Jahrzehnten trägt! Danke für 100 Jahre! – Auch an die unsichtbaren GründungsMÜTTER!
Text: Nic Leonhardt
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